Tiergestützte Intervention (TGI)

ist der gezielte Einsatz von Tieren zur Förderung psychischer, physischer, sozialer, emotionaler und kognitiver Fähigkeiten sowie zur Steigerung der Lebensfreude und Lebensqualität. Dabei sind die Tiere je nach Maßnahme nur anwesend, oder es wird der direkte Kontakt zum Tier genutzt. Zu den positiven organisch-physiologischen Effekten gehören z.B. die Senkung des Blutdrucks und der Atemfrequenz, Schmerzverringerung oder Schmerzablenkung, eine Stabilisierung des Immunsystems sowie die Förderung der Rehabilitation. Psychische und psychologische Effekte umfassen das emotionale Wohlbefinden, die Entwicklung eines positiven Selbstbildes, das Erlernen von Impulskontrolle, Reduktion von Angst, Förderung von Empathie, soziale Integration, Anregung zur Wissensaneignung, antidepressive und antisuizidale Wirkung. Positive soziale Effekte sind die Stimulation und Förderung der sozialen Interaktion und die Steigerung freundlicher Aufmerksamkeit, die man von anderen Menschen erfährt, sowie das Erlernen von Rücksichtnahme und Respekt. 

Zu den Zielgruppen für  therapeutische Maßnahmen gehören insbesondere Demenzkranke, Menschen mit Depressionen oder posttraumatischen Belastungsstörungen, Autisten und Angstpatienten, Menschen mit ADHS, sowie Menschen mit Verhaltensauffälligkeiten und sozialen Defiziten. Dabei sind die Tierkontakte ein Baustein in dem auf die Person zugeschnittenen Maßnahmenplan.  

Besonders geeignet sind Tiere, die über ein hohes Maß an Intelligenz verfügen und in der Lage sind, komplexe Emotionen zu interpretieren. Wie die mehr als  10.000 Jahre alte Kunst, mit Vögeln zu jagen, belegt, verfügen Eulen, Falken und Greifvögel über eine ausgeprägte Fähigkeit, non-verbale, analoge Signale ihres Interaktionspartners Mensch wahrzunehmen. Nur so konnte eine erfolgreich andauernde Tier-Mensch Kooperation entstehen, die nicht zielgerichtet durch Domestikation beeinflusst wurde und wird.

Der falknerisch gehaltene Vogel ist an den Füßen mit weichem Lederriemen gehalten, damit er gesichert auf einem Handschuh sitzen kann. Dabei geht es nicht um Kontrolle, sondern um Verbundenheit. Von der ersten Begegnung an kommuniziert der Vogel auf verschiedene Weisen, die subtil aber unmissverständlich sind. Seine Körpersprache, seine Bewegungen und selbst seine Reaktion auf die Stimme des Menschen lassen seine Gefühle erkennen. Das Erlernen dieser Signale ist das Fundament für Vertrauen. 

Alle Begegnungen mit unseren Vögeln zeichnen sich durch ein gewisses Maß an Unverfügbarkeit aus, d.h. das Geschenk des vertrauensvollen Zuwendens des Vogels ist nicht abrufbar, sondern ergibt sich aus dem eigenständigen Willen des Vogels in der Kooperation mit und aus seiner Sympathie zu dem jeweiligen Menschen. Manchmal entstehen dabei fast magische Momente.  

Für die Vögel ist der Umgang mit Fremden eine besondere Vertrauensübung. Dabei dürfen die Tiere nicht überfordert werden. Entsprechend ist zwischen dem Wohl des Tieres und dem pädagogisch/therapeutischen Nutzen für den Menschen eine konstruktiv-kritische Abwägung vorzunehmen. Letztlich können Erfolge in der kooperativen Arbeit Mensch-Tier nur erzielt werden, wenn Wohlbefinden und Glück des Tieres hinreichend beachtet werden. Grundsätzlich erfolgt der Einsatz unserer Vögel nur bei positiver Bestätigung der Kooperationsbereitschaft durch den Vogel. Während des Einsatzes werden Komfortverhalten und Gemütszustand des Vogels ständig beobachtet, um gegebenenfalls den Einsatz zu modifizieren oder gar zu beenden. 

Eulen, Falken und Greifvögel sind sehr menschenscheue Tiere, die in der freien Wildbahn kaum aus der Nähe zu betrachten sind. Gerade deswegen ist es ein so außergewöhnliches und beeindruckendes Erlebnis, ein derartiges Tier auf der Hand zu halten, mit ihm in Kontakt zu treten, sein Verhalten nach und nach verstehen zu lernen und vielleicht sogar sein Vertrauen zu gewinnen. Der wiederholte Umgang mit den Vögeln erlaubt das vertiefte Erlernen von Achtsamkeit, führt zu einer Steigerung des Selbstwertgefühls, stärkt das Verantwortungsbewusstsein und führt zu einer Verbesserung des subjektiven Wohlbefindens.

Das Training der Vögel erfordert ein hohes Maß an Willensstärke, Fürsorglichkeit, Geduld und Einfühlungsvermögen. Die Fähigkeit der Kommunikation mit dem Vogel kann man nicht aus Büchern lernen, vielmehr wird das Wissen um diese Kulturtechnik mündlich weitergegeben. Entsprechend ist die Falknerei seit 2010 Weltkulturerbe. In dem zugehörigen Antragstext wird formuliert: "Falknern ist die Kunst, zu dem Vogel eine spirituelle Beziehung aufzubauen." 

 

Quod totum procedit ex amore (Friedrich II.)

 

 

Sozialverhalten von Eulen, Falken und Greifvögeln

Eulen, Falken und Greifvögel gelten als ausgeprägte Einzelgänger mit wenig Fähigkeit zur sozialen Bindung, die vielfach sogar ihren Lebenspartner nur während der Aufzucht der Jungtiere in ihrer Nähe dulden. Der Familienverband aus Jungvögeln und Eltern besteht nur wenige Wochen, in denen sich die Elterntiere aber engagiert um sie Sicherheit und die Nahrungsversorgung der Nachkommen kümmern. Kein Sommer vergeht, in dem nicht irgendwo in Deutschland ein Jogger die unangenehme Erfahrung macht, dass der Mäusebussardterzel den Horstbereich energisch verteidigt, zu Beginn mit Scheinangriffen, und wenn das nicht hilft mit ernsthaften und für den Menschen gefährlichen Attacken gegen den Kopf. 

Die bekannteste Ausnahme vom Eizelgängertum ist vermutlich der Wüstenbussard oder Harris-Hawk, ein sehr beliebter Beizvogel in der modernen Falknerei. Diese Greifvogelart lebt in kleinen Gruppen und geht gemeinsam jagen, wobei die kleineren männlichen Tiere in der Regel die Aufgabe haben, das Wild aufzustöbern und hochzujagen, während das Schlagen der Beute die weiblichen Tiere übernehmen. Jungvögel bleiben bis zu drei Jahren bei den Eltern und unterstützen bei der Aufzucht der nachfolgenden Generationen. Vor allen um während der Jagd Artgenossen in Form von Fuchs, Kojote, Schakal oder Wolf zu warnen, verfügen Wüstenbussarde über einen durchdringenden Alarmruf. Ein leicht knurrig klingender Kontaktlaut dient der Entwarnung sowie allgemein der Kommunikation innerhalb der Gruppe.

Tatsächlich findet sich unter den Eulen, Falken und Greifvögeln die komplette Breite möglicher Lebensformen, vom strengen Einzelgänger – der Habicht duldet außerhalb der Aufzuchtzeit keine Artgenossen – zu teilsozialem Verhalten – der Schwarzmilan in Indien bevölkert in großen Gruppen städtisches Gebiet und hat sich darauf spezialsiert, Menschen im Park ihr Lunchpaket zu stehlen – bis zu Koloniebrütern – Gänsegeier bilden große Gruppen mit klaren sozialen Hierarchien. 

Auch wenn die Kontakte zu den Artgenossen in der Regel nicht so ausgeprägt sind wie z.B. bei den Papageien, bei denen die gegenseitige Gefiederpflege eines der Mittel ist, die Paarbindung zu stärken, findet sich bei Eulen, Falken und Greifvögeln Schnäbeln zur Begrüßung des Partners, in der Balzzeit gemeinsame Flugaktionen mit gegenseitigem Festhalten an den Klauen und mit Futterübergabe in der Luft, in der Brutzeit Futterübergabe von Schnabel zu Schnabel, gelegentlich sogar gegenseitiges Federnputzen bei den Partnern und selbstverständlich bei den Jungvögeln intensive Nähe untereinander und mindestens zu dem Muttervogel. 

Waldohreulen sind außerhalb der Brutzeit äußert gesellig. Dutzende der Tiere sitzen mehr oder weniger dicht gedrängt in Schlafbäumen, in denen sie den Tag verbringen. Dies dient offensichtlich der Sicherheit. Angeblich findet dabei aber auch eine innerartliche Nachrichtenbörse statt über vielversprechende Orte mit Beutevorkommen. 

In der Falknerei hat sich gezeigt, dass ausgerechnet der Habicht die ausgeprägte Fähigkeit hat, sich über Artgrenzen hinweg in ein Team aus Mensch, Pferd und Hund zum Zwecke der Jagd erfolgreich einzubringen. Die hin und wieder geäußerte Schlussfolgerung, dass Eulen, Falken und Greifvögel aufgrund ihrer Natur sich nicht für TGI-Einsätze eignen, ist grundlegend falsch. 

Nichts ist so befriedigend wie die vollständige Bestätigung eines Vorurteils. (Hoimar von Ditfurth)

 

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