Beziehung Mensch Greifvögel

Wie auch die Falken stehen Greifvögel für Stärke, Eleganz, Mut und göttliche Macht. Sie fungieren als Bote zwischen der irdischen und spirituellen Welt. In der griechischen Mythologie ist der Habicht eines der heiligen Tiere des griechischen Sonnengottes Apollo und übernimmt die Rolle eines Botens oder Mittlers. Als einziger Vogel kann er ohne Schaden zu nehmen direkt in die Sonne schauen. Der Adler ist dem obersten Gott Zeus geweiht. Greifvögel als Vorzeichen oder Mitteilungen von Göttern stehen in den Werken Homers für das empfindliche Gleichgewicht zwischen Beute und Beutegreifern und symbolisieren die Macht der Götter über die Sterblichen. Die Römer haben die Rolle des Adlers für ihren obersten Gott Jupiter übernommen. 

 

In der eddischen Mythologie besitzen Freyja und Odin das Gefieder eines Habichts, was ihnen die Fähigkeit zu fliegen verleiht. Der Begleitvogel Odins ist Habrok, der beste Habicht. In der kasachischen Kultur lebt der Glaube fort, dass Adler als Mittler zwischen Himmel und Erde agieren. In der Vorstellung der Kasachen trägt der Adler die Seelen der Toten unter seinen Flügeln und bringt sie in den Himmel. 

 

In der Hindu-Mythologie ist Garuda - der König der Adler - das Reittier des Gottes Vishnu, dem Erhalter des Universums. Noch heute ist die Luft- oder Himmelsbestattung, bei der Geier und Rabenvögel den Leichnam von Fleisch befreien, für diesen Kulturkreis die edelste der vier Bestattungsformen Luft, Feuer, Wasser, Erde.

 

In vielen indigenen amerikanischen Kulturen sind Adler heilige Tiere. Eine Adlerfeder zu erhalten, war und ist eine große Ehre und in der Regel mit einer besonderen Leistung oder Tat verbunden. Bei den Azteken wird der Sonnen- und Kriegsgott Huitzilopochtli durch einen Adler symbolisiert. Totempfähle an der Westküste Nordamerikas vereinen Tierdarstellungen von Vögeln, Fischen und Säugetieren z.B. Rabe, Adler, Lachs, Wolf, Bär und Wal.

 

Im Christentum ist der Adler ein Kennzeichen des Evangelisten Johannes sowie zahlreicher anderer Heiliger und ein Sinnbild für die Himmelfahrt Christi. Zudem steht der Adler für die Fürsorge Gottes in Formulierungen wie auf Adlerflügeln tragen und unter seine Fittiche nehmen. 

 

Aufgrund ihrer Stärke und Entschlossenheit finden sich Greifvögel auch zahlreich in der Heraldik. Bereits die Römer machten den Adler zu ihrem Feldzeichen. Über das gesamte Mittelalter hinweg war der Adler ein Sinnbild für Befehlsgewalt. Karl der Große wählte im Jahr 800 den Adler als kaiserliches Wappentier. In Deutschland lebt diese Symbolik im Bundesadler fort. 

 

Greifvögel sind in 25 Ländern als Nationaltiere ausgewählt. Die stärkste Gruppe bilden die Adler mit acht Arten. Außerdem finden sich drei Geierarten, der Habicht und der Rotmilan, eine Karakara-Art, der afrikanische Sekretär und die südamerikanische Harpyie.

 

Je nach Kulturkreis haben Menschen zu Geiern, die ebenfalls zu den Greifvögeln gehören, eine zwiespältige Beziehung. Als Aasfresser verpönt, mit oftmals nacktem, unbefiedertem Kopf, der wenig ästhetisch erscheint, sind sie die unbeliebtesten Vögel und das Todessymbol schlechthin. Im übertragenen sprachlichen Gebrauch sind sie oftmals das Sinnbild für Gier, Unbarmherzigkeit und das Ausnutzen von Schwächen.  Geduldig warten sie bei sterbenden Tieren auf deren Tod. Insbesondere Neuweltgeier können vermutlich außerordentlich gut riechen und finden so ihre Nahrung. In seinem Roman Homo faber beschreibt Max Frisch, wie sich Neuweltgeier neben einem Gebäude sammeln, in dem sich eine tote Person befindet. Gruseliger und abstoßender geht es nicht. Dabei waren Geier z.B. im alten Ägypten das Symbol für Mutterschaft, Geburt, Schutz und göttliche Autorität.  Die Göttin Nekhbet, oftmals mit einem Geierkopf dargestellt, verkörpert den pflegenden Wächter und ewige Herrschaft. Die Hieroglyphe für Mutter war ein Geier, und weibliche Herrscher trugen geierförmige Kopfbedeckungen. In den Andenkulturen der Inka und Quechua symbolisierten Geier Erneuerung, Transformation und das Gleichgewicht im Kreislauf der Natur. Mythen beschreiben den Kondor, den weltweit größten Greifvogel, als Geschöpf, das von oben Leben und Tod gleichermaßen sehen gehen. Im alten Griechenland erfüllen Geier den strafenden Willen der Götter. So wird Prometheus zur Strafe, dass er den Menschen das Feuer brachte, von Zeus an den Kaukasus geschmiedet wo täglich ein Adler oder Geier seine Leber auffraß, die über Nacht nachwuchs, so dass am nächsten Tag die Qualen von Neuem beginnen konnten.

 

Tatsächlich haben Geier eine wichtige Aufgabe in der Natur. Sie sorgen dafür, dass die Überreste toter Tiere schnell beseitigt werden, und sich so keine Krankheiten verbreiten können. In Tibet befreien Geier bei der Himmelsbestattung physisch und spirituell die Seele von menschlichen Verstorbenen. 

 

Mit vermehrtem Aufkommen von Schusswaffen sowie den Entwicklungen im Rahmen der Industriellen Revolution ändert sich ab dem 18. Jahrhundert das Verhältnis zu Greifvögeln in der westlichen Welt grundlegend. Große Greifvögel, Falken und Eulen werden nunmehr als Nahrungskonkurrenten eingestuft. Die überkommene Bezeichnung „Raubvogel“ soll auch suggerieren, dass diese Mitgeschöpfe dem Menschen etwas stehlen, nämlich Niederwild in Form von Rebhuhn, Wachtel, Schnepfe, Fasan, Kaninchen und Hase. Entsprechend wurden diese „Schädlinge“ gnadenlos verfolgt mittels Vergiften, Fallenjagd, Abschießen und Nestzerstörung. Eine weitere Zuspitzung der begrifflichen Abwertung der Greifvögel findet sich in der frühen deutschen Jägersprache; Beutegreifer, die nicht dem Wild zugehören, aber dem Viehstand und der Fischerei Schaden zufügen, wurden wenig charmant als "Raubzeug" bezeichnet.

 

In Europa, Nordamerika und Australien setzt mit dem Ende des 19. Jahrhunderts eine systematische Verfolgung von Greifvögeln ein. Die Bevölkerung ist grundsätzlich aufgerufen, Greifvögel und Eulen wo immer man auf sie trifft, abzuschießen. Die starke Geringschätzung einzelner Greifvogelarten findet sich auch in Brehms Tierleben. Über den Habicht schreibt er: „Der Habicht ist ein schädlicher Vogel, der rücksichtsloseste Verfolgung verdient. Seine Wildheit und Bosheit, seine Unverträglichkeit und Mordgier machen ihn uns im höchsten Grade widerwärtig.“ „Seine Raubgier wird nur durch seine Frechheit überboten; seine Mordlust übertrifft die eine wie die andere; er kennt keine Schonung.“ „Ein gefangener Habicht ist für uns ein ebenso hassenswerter Vogel wie der freilebende.“ 

 

Die Selbstverständlichkeit der gnadenlosen Verfolgung der Greifvogel zeigt sich eindrucksvoll in der Kindheitserinnerung von Gerald Haslam, der in seinem Artikel „Predators in Literature“ schildert: “When I was a boy, they were the ultimate game; to shoot a hawk was triumph: shoot one, then spread it like a crucified thief on the barbed wire fence near the house.” Die Übersetzung lautet: Als ich ein Junge war, waren sie das ultimative Wild; einen Habicht zu schießen war ein Triumph: erschieß einen, und dann hänge ihn aufgespreizt wie einen gekreuzigten Dieb in den Stacheldrahtzaun nahe dem Haus. 

 

Mit herrschaftlich und staatlich ausgelobten Abschussprämien für große Greifvögel und Eulen wurden die Verfolgungen weiter motiviert. Selbst vor Nationalvögeln wurde nicht Halt gemacht. So wurde z.B. in Alaska 1917 eine Abschussprämie für Weißkopfseeadler ausgesetzt, weil Fischer hinsichtlich des Rückgangs der Fangzahlen von Lachsen besorgt waren. Bis zur Rücknahme der Abschussprämie im Jahr 1953 wurden mehr als 100.000 Adler getötet. In Australien wurde der Abschuss von Keilschwanzadlern behördlich gefördert. In Deutschland wurden Greifvögel wie Habicht, Sperber und Mäusebussard als jagdbares Wild regulär stark bejagt. Für die Jagdjahre von 1935 bis 1939 weist die offizielle Jagdstatistik fast 550.000 geschossene Greifvögel und Eulen aus. 

 

Die Zerstörung der natürlichen Umwelt und der verstärkte Einsatz vor allen von organochloriden Pestiziden nach dem 2. Weltkrieg hat den Rückgang der Greifvögel und Eulen derart beschleunigt, dass das Überleben einzelner Arten als sehr unwahrscheinlich angesehen wurde. Insbesondere das Insektizid DDT kann sich aufgrund seiner chemischen Stabilität und seiner Löslichkeit in Fett in der Nahrungskette anreichern. Zudem weisen DDT-Abbauprodukte hormonelle Wirkungen auf: Bei Greifvögeln werden die Eierschalen pergamentartig dünn, so dass sie beim Brüten aufplatzen. Somit bestand die  Gefahr, dass Greifvögel keine Nachkommen mehr haben.

 

Mitte der 1970er wurden Greifvögel, Falken und Eulen weltweit unter stärksten Schutz gestellt, der Handel unterliegt seitdem scharfen Bedingungen, eine Entnahme aus der Natur ist in vielen Ländern verboten. In Deutschland ist sogar das Sammeln von Federn von Greifvögeln verboten. Hinsichtlich des Besitzes von lebenden Greifvögeln, Falken und Eulen besteht in den Ländern der EU eine Meldepflicht. Mit Beginn der 1970er wird sukzessive der Einsatz von DDT in vielen Ländern verboten. Gleichzeitig beginnen auch von Falknern unterstützte Zuchtprogramme, um die natürlichen Bestände mit Nachzuchten genetisch aufzufrischen. Dabei wurden zunächst die „wertvollen“ Nationalvögel gezüchtet. Die weltweit erste erfolgreiche Zucht von Weißkopfseeadlern ist in Hellenthal in der Eifel 1980 gelungen.

 

Im Bereich des Greifvogelschutzes engagieren sich heute auch private Vereine. NRW hat die höchste Population von Wanderfalken, die bundesweit größte Dichte von Wanderfalken findet sich im Landschaftspark Nord in Duisburg, wo Nisthilfen an den Schornsteinen angebracht wurden. Die größte Dichte von Habichten weltweit findet sich in Berlin. 

 

Auch wenn sich die Bestände der Eulen, Falken und Greifvögel erfreulich deutlich erholt haben, ergeben sich für diese Vögel zahlreiche Gefahren in der menschlichen Umwelt. Unter anderem werden heutzutage Windkraftanlagen als mögliche Unfallquelle für z.B. Rotmilane und Mäusebussarde kritisch diskutiert. Das folgende Bild zeigt den zeitlichen Verlauf des Brutindex für den Mäusebussard (entnommen den Statistiken des Dachverbandes der Deutschen Aivfaunisten - DDA). Unterstellt man einen linearen Trend, wird sich der Bestand der Mäusebussard-Brutpaare ausgehend von 1990 bis zum  Ende dieses Jahrzehnts halbiert haben. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Seit vielen Jahren wird kritisch diskutiert, in welchem Maße Windkraftanlagen Todesopfer unter Vögeln fordern und somit den Bestand gefährden könnten. Das nächste Bild zeigt den Brutindex für den Mäusebussard aufgetragen über die Anzahl der Onshore-Windkraftanlagen (entnommen von wind-energie.de). Grundsätzlich beweist die Graphik  keinen kausalen Zusammenhang, aber der konstante Rückgang des Brutindex ist Anlass genug, grundsätzlich über Maßnahmen nachzudenken, den Vogelschlag an Windenergieanlagen zu verringern. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Mäusebussard (Buteo buteo) ist Europas häufigster Greifvogel. Als Kulturfolger besiedelt er gerne auch Parks und Friedhöfe. Als Meister der Ansitzjagd kann man ihn daher häufig in der Nähe menschlicher Siedlungen auf freistehenden Bäumen oder Zaunpfählen sitzend sehen, wo er insbesondere auf unvorsichtige Mäuse wartet. Bei Jadgerfolg stellen sich oftmals Krähen ein, die versuchen, dem Bussard die Beute abzujagen. Krähen bedrängen den Greifvogel auch häufig beim Segeln in der Luft. Da Mäusebussarde auch überfahrene Tiere als Nahrung nicht verschmähen. werden sie häufig von Fahrzeugen erfasst und dabei schwer verletzt oder getötet. Besonders attraktiv als Nahrungsquelle werden Hochleistungsstraßen, wenn in ihrer unmittelbaren Nähe Julen (Jule = senkrechter Pfosten mit horizontalem Querholz) aufgestellt wurden. Die künstliche Ansitzhilfe soll dem Mäusebussard die Jagd in Richtung Acker erleichtetn, verführt ihn aber, auf Fallwild zu warten. Krähen nutzen diese Nahrungsquelle auch, lernen aber, weil sie häufig in Gruppen unterwegs sind, aus dem Unfalltod eines Artgenossens die Gefahren durch heraneilende Fahrzeuge besser einzuschätzen.

Unsere Greifvögel

Rotschwanzbussard Vigo
Mäusebussard Fenya 
Wüstenbussard Salma

Greifvögel sind Grifftöter. Beim Binden der Beute schießt der Fang des Vogels mit hoher Geschwindigkeit auf das Beutetier, die Krallen werden tief in der Beute verankert. Aufgrund einer mechanischen Sperre kann der Vogel den Fang zunächst nicht mehr öffnen, so dass die Beute ohne Muskelanstrengung gehalten wird. Eine gute Strategie für einen Bodenjäger, eine u.U. tödliche Strategie für einen jungen Fischadler, der einen zu großen Fisch greift und von diesem mit in die Tiefe gezogen wird.

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