Evaluation von TGI-Maßnahmen 
mit Eulen, Falken und Greifvögeln
Auf der Suche nach der Wahrheit 
in Verbindung mit dem Sinn
 

Die Wirksamkeit einer TGI-Maßnahme und die Nachhaltigkeit der Wirksamkeit sind zwei zentrale Fragen bei der Evaluation. Eine Möglichkeit der Befragung ist die Selbsteinschätzung der teilnehmenden Person mittels numerischer Rating-Skalen von 0 bis 10 Skalenwerten (Subjective Units) für Belastung (Distress), Zufriedenheit (Comfort) und innerer Unruhe (inner unrest). Dabei werden die Daten unmittelbar vor und zum Ende der Tierbegegnung erhoben. Obwohl diese Skalenwerte grundsätzlich nur ein ordinales Merkmal sind, d.h. es gibt keine feste Relation zwischen den Werten, werden sie oftmals wie eine metrische Größe statistisch ausgewertet. Grundsätzlich sind die Zahlenwerte zwischen verschiedenen Individuen nicht vergleichbar, auch dies erschwert eine konsistente Bewertung. Alternativ können verbale Rating-Skalen verwendet werden, wie z.B. die Einstufungen ohne, leicht, erheblich, stark, extrem (without, light, considerable, strong, extreme). Weitere Instrumente zur Evaluation sind Interviews mit offenen Fragen, strukturierte Fragebögen sowie die Protokollierung des Verhaltens von Mensch und Tier während der TGI-Maßnahme. Nachhaltigkeit kann unter anderem durch die Niederschrift von bebachteten Verhaltensänderungen außerhalb der TGI-Maßnahme evaluiert werden. 

 

Die Protokollierung des Tierverhaltens hat zum Ziel, die Belastung des Tieres während des TGI-Einsatzes zu evaluieren. Dabei wird notiert, welches Komfort- und Stressverhalten der Vogel zeigt. Für die einzelnen Phänomene kann z.B. der Erstzeitpunkt und die Wiederholrate während der einzelnen Treffen aufgezeichnet werden. Zu den typischen Komfortverhalten zählen Schütteln bzw. Lüften des Gefieders, das intensive Putzen der Federn, Dehnen und Strecken von Flügeln und Beinen, sowie einen Fang hochnehmen. Lautäußerungen können Stress oder Wohlbefinden erkennen lassen. Abspringen von der Faust ist immer ein Stresssignal, dessen Ursache, soweit erkennbar, notiert wird.

 

Als begleitende Unterstützung sind Tierbegegnungen hinsichtlich ihrer Häufigkeit für ein festes Team Mensch-Vogel in der Regel stark begrenzt. Therapien und Reha-Maßnahmen erstrecken sich oftmals nur über wenige Wochen, und bei einer wöchentlichen Tierbegegnung kommen dann kaum mehr als ein Dutzend Treffen zu Stande. Trotzdem kann man mit den erhobenen Daten Wirkungen der Tierbegegnungen nachweisen. 

 

Das folgende Bild zeigt die Gegenüberstellung der individuellen verbalen Skalenwerte für 10 Begegnungen am Beispiel einer Reha-Maßnahme in einer Tagesstätte für Menschen mit einer psychischen Erkrankung. Bei der jungen Frau liegt für neun von zehn Treffen der Belastungswert jeweils vor der Tierbegnung bei erheblich bis stark. Unmittelbar vor dem Ende der Tierbegegnung ist die Belastung in acht von zehn Fällen reduziert auf leicht. Auch bei der Zufriedenheit zeigen sich deutlich positive Effekte: Die Zufriedenheit nach der Begegnung mit dem Vogel ist mindestens stark, in acht von zehn Fällen sogar extrem. Die stärkste Wirkung ergibt sich im vorliegenden Fall für die innere Unruhe, die sich in allen zehn Begegnungen auf leicht reduziert, Die numerischen Unterschiede weisen dabei folgende Mittwerte auf: dSUD = -2.4, dSUC = + 2.4 und dSUN = - 2.8. Eine Untersuchung der statistischen Signifikanz dieses starken Befundes ist obsolet, da die praktische Signifikanz überdeutlich ist. 

Wenn man numerisch die statistische Signifikanz einer Änderung der Skalenwerte untersuchen möchte, wird in Ermangelung besserer Modelle häufig die Normalverteilung  unterstellt. Um signifikante Abweichungen der Mittelwerte zu untersuchen, wird z.B. ein gepaarter T-Test verwendet. Tatsächlich weist die Annahme einer Normalverteilung zwei unter Umständen bedeutsame Mängel auf: Während sich die Normalverteilung von minus bis plus unendlich erstreckt, sind die tatsächlichen numerischen Skalenwerte beschränkt zwischen 0 und 10. Zudem werden die Skalenwerte in der Regel als ganze Zahlen erhoben. Dies kann zu Verzerrungen bei den Tests und damit merklich verfälschten Signifikanzaussagen führen. Mit einer abgeschnittenen Normalverteilung, die zusätzlich auf diskrete Werte abgebildet werden muss, lässt sich theoretisch dieser Fehler beheben. Der zweite Makel der Normalverteilung, nämlich dass sie symmetrisch zum häufigsten Wert verläuft, lässt sich dagegen nicht beheben. Naturgemäß zeigen die Skalenwerte mit großen Häufigkeiten an den beiden Rändern Unsymmetrie und Abschneideeffekte. Hier wird es erforderlich, geeignetere Wahrscheinlichkeitsverteilungen wie z.B. die Beta-Verteilung, die zwischen zwei Werten definiert ist, als Modellannahme zu verwenden. Allerdings fehlen hierzu die Standardtests für die Signifikanzaussagen. 

 

Bei der Evaluation von Langzeitbeobachtungen für wöchentliche Begegnungen über viele Monate hinweg besteht oftmals zudem das Problem, dass sich in den Skalenwerten deutliche Trends finden lassen. Die folgende Graphik zeigt für die Belastung vor dem Treffen mit dem Vogel (SUD1) einen mehr oder weniger gleichbleibenden Verlauf mit einem Mittelwert von 7.63. Der Belastungswert nach dem Treffen (SUD2) liegt bei allen Treffen unter dem Eingangswert, d.h. die Begegnung zeigt eine positive Wirkung, die im Mittel eine Reduktion um 3.83 Skalenwerte aufweist. Zudem scheint sich in der zweiten Hälfte der Treffen die Abnahme der Belastung  sogar zu verstärken. Die eingepassten Trendverläufe, identifiziert als abschnittsweise Polynome dritter Ordnung, zeigen eine kontinuierliche Zunahme der Reduktion der Belastung, die zu Beginn der TGI-Maßnahme bei 3.0 liegt und am Ende bei 5.0. Die im Mittel konstant starken Anfangsbelastungen werden zum Ende der TGI-Maßnahme hin in den Bereich der leichten Belastung reduziert. 

 

Die Untersuchung der statistischen Signifikanz ist bei vorhandenen Änderungen der statistischen Parameter nicht trivial. Das linke Bild der beobachteten Häufigkeiten der Skalenwerte zeigt deutlich, dass die Annahme einer Normalverteilung zu einem deutlich kleineren Maximum führt, das zudem zu kleineren Werten verschoben ist. Eine wesentlich bessere Modellierung der Wahrscheinlichkeitsverteilung von SUD1 gelingt mit der Beta-Verteilung. Das Maximum erscheint an der richtigen Stelle mit der wirklichkeitsnahen Amplitude. Aufgrund der Änderung des Mittelwertes zeigt sich in der rechten Graphik eine große Streuung und ein zweites Nebenmaximum. Die Beta-Verteilung weist wie die Normalverteilung nur einen maximalen Wert auf, d.h. die Modellierung von SUD2 verlangt eine weitere Zuschärfung, z.B. mit zeitveränderlichen statistischen Parametern. Eine Beurteilung der statistischen Signifikanz der Belastungsreduktion mittels der Annahme einer Normalverteilung ist sinnfrei.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Happiness is not to be found in knowlege, but in the acquisition of knowledge. (Edgar Allen Poe)

 

Das folgende Bild zeigt die Evaluation des Tierwohls während einer TGI-Maßnahme in einer JVA mit psychisch kranken Strafgefangenen, die sich in einer Reha-Maßnahme befinden. Es handelt sich um das zweite Treffen im Rahmen der Studie. Anwesend sind sechs Strafgefangene, eine JVA-Angestellte und der Falkner. Das feste Team der Vögel in diesem Projekt bilden die beiden Turmfalken Bella und Ari, der Sakerfalke Kyra, der Mäusebussard Fenya, der Rotschwanzbussard Vigo und der Wüstenbussard Salma. Ari und Fenya sind Handaufzuchten. Kyra, Bella, Vigo und Salma sind von den jeweiligen Elternvögeln aufgezogen worden. 

 

Vigo, Kyra und Fenya sitzen auf der gleichen Person wie beim ersten Besuch. Ari, Bella und Salma sitzen auf neuen Personen, die sie aber beim ersten Besuch bereits kennengelernt haben. Alle Vögel zeigen während der einstündigen Interaktion mehrfach Komfortverhalten in Form von Schütteln und Lüften des Gefieders, intensivem Putzen des Gefieders, Dehnen der Flügel oder Beine und Hochnehmen eines Fangs. Das deutlich häufigste Komfortverhalten ist das Schütteln und Lüften des  Gefieders. In der Regel geschieht dies relativ zeitnah nach dem Umsetzen des Vogels auf den Menschen. Bei den beiden kleinen Vögeln gibt es bezüglich Hochnehmen des Fangs eine Dunkelziffer, d.h. nicht in allen Fällen ist die Aktion für den Falkner sichtbar. 

 

Ari sitzt auf einem Menschen mit ausgeprägter motorischer Unruhe, was sich im Hin- und Herrutschen auf dem Stuhl und angedeuteten Aufstehversuchen zeigt. Entsprechend springt der Vogel dreimal ab. Dabei hebt der Vogel von der Faust ab und flattert für wenige Sekunden von der Hand weg, um dann wieder auf der Faust zu landen. Salma springt im Verlauf der Begegnung zweimal ab. In beiden Fällen hat die Person, die Salma trägt, eine Aktion, wie z.B. das Auflegen eines Papierküchentuches auf den frischen Schmelzfleck, nicht angekündigt, d.h. den Vogel nicht angesprochen, um so dessen Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Wenn bei einer Aktion eines Menschen, mit dem der Vogel noch nicht völlig vertraut ist, die Aufmerksamkeit des Vogels nicht beim Menschen liegt, kann der Vogel erschrecken und springt dann unter Umständen ab. Auch bei Salma beträgt der Zeitraum zwischen Abspringen und Zurückkehren zur Faust wenige Sekunden. Salma hängt in der Regel kopfüber, bevor sie zur Faust zurückkehrt. Als Schlussfolgerung drängt sich auf, dass Ari mit seinem Menschen nicht 100% zufrieden war. Er hat sich aber intensiv das Gefieder geputzt. Dabei muss der Vogel die Augen schließen, damit das Gefieder nicht über die empfindlichen Augen reibt. Salma zeigt die zweithöchste Anzahl an Komfortverhalten; entsprechend darf man unterstellen, dass der Vogel das minimale Fehlverhalten ihres Menschen nicht übel genommen hat. 

Tierwohl und Tierwürde

Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland beginnt mit den Worten:  Die Würde des Menschen ist unantastbar. Seit 2005 findet sich im Tierschutzgesetz der Schweiz der ergänzende Begriff der Tierwürde. Sie bezeichnet den Eigenwert des Tieres, der im Umgang mit ihm geachtet werden muss. Im Gegensatz zur Menschenwürde ist die Tierwürde allerdings nicht unantastbar. Vielmehr erfolgt eine Interessenabwägung hinsichtlich des zu erwartenden Nutzens für den Menschen und den möglichen Belastungen des Tieres. Eine Belastung liegt vor, wenn dem Tier insbesondere Schmerzen, Leiden oder Schäden zugefügt werden, es in Angst versetzt oder erniedrigt wird, wenn tief greifend in sein Erscheinungsbild oder seine Fähigkeiten eingegriffen oder es übermäßig instrumentalisiert wird. 

Tierwohl bedeutet, dass die artgerechte Haltung und Ernährung des Tieres zu gewährleisten sind, dass seine Körperfunktionen und sein Verhalten nicht gestört sind und es in seiner Anpassungsfähigkeit nicht überfordert wird. Schmerz, Leiden, Schäden und Angst sind zu vermeiden. Das Tier muss klinisch gesund sein, bei Erkrankungen ist die Hilfe der Tiermedizin erforderlich. Die Haltung muss dem Tier ermöglichen, sein artgemäßes Verhalten innerhalb der biologischen Anpassungsfähigkeit auszuleben. 

Eulen, Falken und Greifvögel sind keine Kuscheltiere. Aber sind absolut fähig, tiefe Beziehungen über Artgrenzen hinweg einzugehen. In der historischen Falknerei der Mongolen bestand das Jagdteam aus Greifvogel, Hund, Pferd und Mensch. Heutzutage gehen Falkner mit Hund und Frettchen als Hilfstiere auf die Beizjagd. Der Vogel hat gelernt, dass er dem Hund vertrauen kann, und dass er das Frettchen nicht schlagen soll.

Als Beutegreifer verbringen Eulen, Falken und Greifvögel viel Zeit im Energiesparmodus, d.h. der Vogel fliegt in der freien Wildbahn nur, wenn es einen hinreichend wichtigen Grund gibt. Der Wanderfalke hat weltweit die größte Verbreitung. Je nach Region ist er dabei Stand-, Strich- oder Zugvogel. Mit anderen Worten: Ein Wanderfalke kann grundsätzlich viele 1000 km ziehen, aber das tut er nur, wenn ihn die Natur dazu zwingt. Daher wird der Wanderfalke besonders im Winter, wenn er keine Nachkommen zu versorgen hat, jede unnötige Aktivität vermeiden. Selbst in der Zeit der Aufzucht der Jungen sind die Flugzeiten viel kleiner, als man erwarten würde. Eine US-Studie, für die 24 Wanderfalkenpaare in Alaska mit GPS-Sendern ausgerüstet wurden, belegt, dass nur wenige Prozent der verfügbaren Zeit für die Aktivität Fliegen aufgewendet wird. Während der Aufzucht der Jungen liegen die Mittelwerte der Flugzeiten der männlichen Tiere in den Phasen von der Eiablage bis zum selbstständig Werden der Jungvögel zwischen 12 und 24 Minuten bei 14 Stunden Sonnenlicht, die der Weibchen zwischen 6 und 23 Minuten. 

Eine vergleichbare deutsche Studie über nach einer Verletzung wieder ausgewilderte Habichte und Mäusebussarde zeigt ähnliche Befunde. Nach der Freilassung benötigt der Vogel bis zu 10 Tage, bis er sein neues Revier gefunden hat und sich seine Ausdauer hinreichend regeneriert hat. In der anschließenden Zeit bis zum Verlust des Senders werden die Mittelwerte der täglichen Flugleistung in km erfasst. Für die vier Mäusebussarde beträgt die mittlere Flugstrecke zwischen 0.3 km und 1.5 km. Die beiden Habichte fliegen im Mittel pro Tag eine Strecke von 2.0 km und 2.9 km. 

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